Evang. Luth. Versöhnungskirche Straubing
Tag des offenen Denkmals 2019
Eine Stimme zum Tag des offenen Denkmals 2019 Die evangelische Versöhnungskirche Straubing Am Sonntag, den 8. September 2019, öffneten deutschlandweit unzählige Burgen, Schlösser, Kirchen, historische Wohn- und Fabrikgebäude und viele mehr ihre Pforten zum Tag des offenen Denkmals – darunter auch die Versöhnungskirche. Nach einem Festgottesdienst boten geführte Rundgänge durch die Kirche und ein Imbiss im Gemeindesaal die Gelegenheit dazu, die Kirche kennenzulernen. Interessierte und Neugierige ohne näheren Bezug zur Gemeinde der Versöhnungskirche konnten in Kontakt und ins Gespräch mit der Gemeinde kommen, langjährige Gottesdienstbesucher und ehrenamtlich Engagierte neue Perspektiven auf ein vermeintlich vertrautes Gotteshaus gewinnen. Denkmal Versöhnungskirche? Auch als relativ junger Bau steht die Kirche nebst Pfarrhaus und Gemeinderäumen seit 2010 unter Denkmalschutz. Ein Privileg, das den Verantwortlichen in der kirchlichen und politischen Gemeinde bei notwendigen Erneuerungen und Umbauten manchmal einiges abverlangt. Zugleich sind sie aber dazu verpflichtet, dabei besondere Achtsamkeit und Zurückhaltung gegenüber dem Charakter der Kirche, gegenüber ihrer Geschichte und ihren Eigenheiten, walten zu lassen. 2019 war der Tag des offenen Denkmals Bauwerken der Moderne gewidmet, die „Umbrüche“ in Kunst und Architektur bezeugen. Die Versöhnungskirche wurde in einer solchen Umbruchphase nach dem Zweiten Weltkrieg errichtet: im Zuge des Wachstums der Stadt Straubing nach Osten, nicht zuletzt zur Integration der Deutschen, die infolge des Krieges ihre Heimat verloren hatten, und in einer Zeit, die nach neuen Formen des Kirchenbaus suchte. Nachdenken über Versöhnung Dem Anlass entsprechend stellten Pfarrerin Meiser und Lektor Stefan Drechsler aus Nürnberg-Boxdorf zwei Begriffe ins Zentrum des Festgottesdienstes, der den Tag eröffnete: „Denkmal“ und „Versöhnung“. Hier einen gemeinsamen Nenner zu finden, erscheint auf den ersten Blick nicht ganz einfach, doch die Kirche selbst gibt hierauf Antwort. Zahlreiche Elemente des Bauwerks Versöhnungskirche erinnern die Gemeinde an ihre Berufung zur Versöhnung – im Innern und nach außen. Die vier Glocken tragen mit jedem Geläute – sei es zum Gottesdienst, sei es zur vollen und halben Stunde – die biblischen Worte aus dem 2. Brief an die Korinther und aus dem Matthäusevangelium weiter, die auf den Glocken selbst eingeprägt sind: Gott war in Christus – und versöhnte die Welt mit sich selber. – Lasset euch versöhnen mit Gott – Versöhne dich mit deinem Bruder! Die Darstellungen des Gekreuzigten im Kirchenraum weisen auf Kreuzestod und Auferstehung als große Gesten Gottes zur Versöhnung mit den Menschen hin. Und ein Blick aus den Bänken nach oben in den offenen Dachstuhl der Kirche lässt zu Recht an den umgekehrten Bauch eines Schiffes denken, des Schiffes Gemeinde nämlich, dessen Mannschaft manchem Konflikt zum Trotz immer aufs Neue die Kraft zur Versöhnung braucht, um vertrauensvoll und aufrichtig miteinander zu leben und zu arbeiten. Kirche entdecken – Kirche verstehen Im Anschluss an den Gottesdienst luden der Leitende Baudirektor der Stadt Straubing Wolfgang Bach und der langjährige Kirchenvorstand der Versöhnungskirche Werner Schäfer die Besucher dreimal zu Rundgängen durch die Versöhnungskirche ein. Sie erzählten aus der Bau- und Planungsgeschichte der Kirche und erklärten dabei die baulichen Besonderheiten der Kirche und die gestalterischen Grundideen des Baus. Mit ihrer profunden Vortragsweise und kurzweiligen Anekdoten gelang es den beiden Referenten, die Zuhörer mit ihrer spürbaren Begeisterung für die Versöhnungskirche anzustecken. Franz Schnieringer bereicherte die Erläuterungen zur Orgel mit Variationen von Johann Sebastian Bach. Kaffee und Gebäck mit Obst aus dem Pfarrgarten luden die Besucher schließlich im Gemeindesaal zum Verweilen ein und dazu, im Gespräch mit den ehrenamtlich Engagierten die Versöhnungskirche als lebendige Gemeinschaft kennenzulernen. Herzlicher Dank gebührt dem großartigen Einsatz der beiden Referenten Wolfgang Bach und Werner Schäfer, aber auch von Pfarrerin Meiser und der vielen Ehrenamtlichen, die die Besucher im offenen Denkmal Versöhnungskirche in Empfang nahmen. Dank sei auch der Stadt Straubing gesagt, die die Teilnahme der Versöhnungskirche am Tag des offenen Denkmals angeregt und koordiniert hat und, vertreten durch Bürgermeister Hans Lohmeier, im Gottesdienst mit uns feierte. Nicht nur beim Rundgang durch die Kirche, sondern auch beim Programm drumherum wurde eines deutlich: Eine Kirche ist kein starres Denkmal, sondern eines, an dem jede Generation weiterbaut und neue Akzente setzt. Kein Museum, sondern ein Ort lebendiger Gemeinschaft im Zeichen der Versnung. Dr. Stefan Drechsler
Rückseite Frontansicht Kirchenraum A Kirchenraum B Dachkonstruktion Orgel
Tag des offenen Denkmals 2019 - Evang-Luth. Versöhnungskirche Straubing
26 STRAUBINGER RUNDSCHAU Mittwoch, 4. September 2019 Die evangelische Versöhnungskirche Zum Tag des offenen Denkmals am Sonntag, 8. September, ein Einblick in die Geschichte
Von Wolfgang Bach D ie Versöhnungskirche ist ein Kind der Entwicklung in Straubing seit 1945, der Kriegs- und Nachkriegsnot und des Wiederaufbaus. Vor allem ist sie mit dem Wachsen des Stadtteils Strau bing-Ost verbunden, und somit mit der größten Integrationsleistung in Straubings Geschichte, der Aufnah me von Tausenden von Heimatver triebenen und Flüchtlingen. Um 1 9 5 8 betrug deren Zahl über 7500, was einen Anteil von 22 Prozent der Einwohnerzahl ausmachte. Viele der neuen Bürger gehörten dem evangelisch-lutherischen Bekennt - nis an, wodurch die Zahl der evan - gelischen Christen in Straubing auf 6 000 gestiegen war. Ansiedlungsschwerpunkt war der Osten der Stadt, wo man zunächst die nötigen Flächen für Notaufnah - melager fand, dann für den sozialen Wohnungsbau, anfangs mit sehr einfachen Wohnungen, später auch Zug um Zug mit Einfamilien- und Reihenhäusern sowie besser ausge - statteten Mehrfamilienhäusern. Im Osten ergaben sich außerdem gute Möglichkeiten für Gewerbe- und Industrieansiedlung. Viele der Hei - matvertriebenen aus dem Sudeten - land und Schlesien brachten die Er - richtung von Gewerbe- und Indus - triebetrieben durch ihren Aufbau - willen und ihre Innovationskraft voran und schlugen damit ein neues Kapitel in Straubings Wirtschafts - geschichte auf. Die Infrastruktur im Osten der Stadt folgte den daraus resultierenden Erfordernissen mit Schul- und Kindergartenbauten, aber auch der Kirchenbau passte sich der neuen Situation an. Neuerbaute Christuskirche war zu klein geworden Die evangelische Gemeinde in Straubing konnte seit 1957 ihre Gottesdienste wieder in der nach der Bombardierung von 1945 neuer - bauten Christuskirche in der Bahn - hofstraße feiern, doch war sie gera - de an Feiertagen nicht mehr in der Lage, die Gottesdienstbesucher auf - zunehmen. Deshalb strebten die Verantwortlichen bereits im Jahr 1958 den Bau eines neuen Pfarrzen - trums im Osten an. Nach dem Er - werb eines Grundstücks bei St. Ni - kola wurde durch den evangeli - schen Landeskirchenrat die Geneh - migung zur Planung einer zweiten Kirche mit Pfarrhaus erteilt. Bereits um die Jahreswende 1958/ 59 lag ein erster Entwurf des mit der Planung beauftragten Münch - ner Architekten Prof. Johannes Ludwig vor, der schon durch die Vollendung der Christuskirche in Straubing bekannt war. Zuerst wollte man mit dem Bau des Pfarr - hauses beginnen, dafür stellte die Kirchengemeinde im April 1959 ei - nen Bauantrag zur Errichtung eines Pfarrhauses mit Gemeindesaal auf dem gemeindeeigenen Grundstück St. Nikola 2. Im Plan von Johannes Ludwig war bereits das Rechteck einer mit dem räumlich großzügig konzipierten Pfarrhaus verbunde - nen Kirche eingezeichnet. Am 31. Oktober 1959 wurde Richtfest für das Pfarrhaus gefeiert, die Einwei - hung genau ein Jahr später am Re - formationstag 1960. Seit der Er - richtung des Pfarrhauses mit Ge - meindesaal begann sich ein eigenes Gemeindeleben im Osten zu entwi - ckeln und der Wunsch nach einer ei - genen Kirche wurde immer drän - gender. Stadtrat war von Plänen nicht sehr angetan Im Juni 1962 wurde dann der Bauantrag für den anstehenden Kirchenbau eingereicht und im Juli vom Bauausschuss des Stadtrats ge - nehmigt. Während in den Stellung - nahmen des Stadtrats eine gewisse Zurückhaltung gegenüber der Pla-
nung Ludwigs zu spüren ist, äußerte sich die Regierung von Niederbay - ern eindeutig positiv zur Architek - tur der Kirche. Im März 1963 wurde dann mit dem Bau der zweiten evangelischen Kirche begonnen, die Grundsteinlegung fand am 12. Mai statt. Bereits Ende November wur - den die vier Glocken in den Turm eingeholt, die in einer Karlsruher Glockengießerei angefertigt worden waren. Am zweiten Adventssonntag, dem 8 . Dezember 1963, konnte schließ - lich das neue Gotteshaus feierlich eingeweiht werden. Allerdings erst mit landeskirchlicher Urkunde vom 1 3 . Oktober 1969 wurde die eigen - ständige Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Straubing-Ver - söhnungskirche eingerichtet. Zur Planung und Architektur Nach längeren Diskussionen mit dem Landeskirchenrat über die an - gemessene Größe wurde die Pla - nung der neuen Kirche auf 350 Sitz - plätze ausgelegt. Der relativ große Kirchenbau stellt sich als rechtecki ger Saalbau mit einer dreiseitigen Apsis im Westen und steilem Sattel dach dar. Zusammen mit dem einge schossigen Pfarrhaus, das Pfarr wohnung, Pfarramt, Sakristei und Gemeinschaftsräume beherbergt, bildet sich eine um einen kleinen Kirchenhof gruppierte kompakte Bauanlage. Die Gebäude sind in Bauweise, Größe, Erscheinungsform und An - ordnung eng aufeinander abge - stimmt und bilden auf diese Weise eine harmonische Einheit. Damals an den Stadtrand gebaut, behauptet sich die Baugruppe auch heute noch gegen die offene, relativ heterogene Bebauung des Umfeldes. Mächtige Giebelfassade und Glockenturm Zur Straße hin dominiert die mächtige, nur durch vertikale Schlitze gegliederte, weiße hand - werklich-lebendig verputzte Gie - belfassade des Kirchenbaus. Ihr ist als Gegengewicht der etwa 22,5 Me - ter hohe, gedrungene Glockenturm mit Pyramidendach zur Seite ge - stellt. Hinter die Bauflucht gerückt nimmt die kleinere Giebelfassade des Pfarrhauses Dachneigung und Gestalt des Kirchenschiffs auf und setzt sie als typischen Profanbau der 1960er Jahre mit großen Recht - eckfenstern um. Johannes Ludwig hatte in der Tradition der Bettelor - denskirchen ursprünglich nur einen Dachreiter auf der Kirche als Glo-
ckenstuhl vorgesehen. Auf Wunsch der Straubinger Kirchenvorsteher wurde dann aber der kräftige Glo - ckenturm geplant: Ein Turm als Verweis auf das Wort Gottes gehörte für sie einfach zu einer Kirche und nahm zudem am besten und wir - kungsvollsten die Glocken auf. Auch im Inneren hat der Archi - tekt mit reduzierten Gestaltungs - mitteln und mit Materialwechsel gearbeitet. Die Kirche betritt man über den Hof durch das Turmunter - geschoss von der Seite her. Schlich - te, weiß geschlämmte Wände und das warmtonige Holz des offenen Dachstuhls sowie der Kirchenbänke bestimmen den Raumeindruck. Eine konzentrierte, schöne Licht - führung entsteht durch die wenigen streng angeordneten Fenster im un - teren Raumbereich. Zwei große seit - liche und je zwei kleinere Fenster in den Giebelwänden tauchen den Ge - meindebereich des Kirchenschiffs in ein überraschend helles Licht, wäh - rend der hohe Dachraum fast ge - heimnisvoll ins Dunkel aufsteigt. Kuppelartige Wirkung des Kirchenraumes Die zwei Querbinder des Dach - sprengwerks begrenzen den qua - dratischen Mittelraum der Kirche, in dem die Gemeinde sitzt. Der hin - tere Binder liegt in der Emporen - brüstung, der vordere deutet den Beginn des Chorraums an. Zwei in der Dachschräge liegende kräftige Längsverbände erzeugen darüber hinaus eine kuppelartige Wirkung des Raumes. Dieser konstruktiven Anordnung ist die besondere archi - tektonische und sakrale Wirkung des Raumes zuzuschreiben. In die - ser Kirche ist bewiesen, dass eine gut gestaltete handwerklich-tradi - tionelle Zimmermannskonstruktion zur gelungenen baukünstlerischen Gestaltung dienen, ja sogar die sa - krale Wirkung steigern kann. Auch insofern ist die Versöhnungskirche ein vorbildliches Bauwerk. Das Kircheninnere betont insge - samt den „Einheitsraum“. Das Prinzip der Wegkirche ist trotz der in einer Richtung aufgestellten Bankreihen etwas zurückgenom - men. Die Prinzipalstücke Kanzel, Altar und Taufstein sind nahezu gleichwertig behandelt, nur der Al - tar ist noch leicht erhöht postiert und damit im Sinne des Gemeinde - gedankens von jedem Platz aus sichtbar, ohne herrschaftlich he - rausgehoben zu sein. Der Raum ist frei von Theatralik und Effekt. Zu der über das kühl Rationale hinausgehenden Stim - mung im Gesamtraum trägt auch
das Mauerwerk bei, auf dem der na türliche „hölzerne Himmel“ auf - sitzt. Die Mauern sind weiß ge - tüncht, schmucklos, frei von Fres - ken oder Bildwerken, doch in ihrer Steinstruktur erkennbar, nicht leb - los zugeputzt, sondern durchaus Pendant zum Holz des Dachstuhls. Dieser Ort des Wortes Gottes, des geistlichen Liedes und des Abend - mahls ist also mehr als ein bloßer Versammlungsraum. Aufnahme in die Liste der Baudenkmale Im Jahr 2009 wurde das Ensemble der Versöhnungskirche vom Bayeri - schen Landesamt für Denkmalpfle - ge als erste und bislang einzige Straubinger Kirche der Nach - kriegszeit durch die Aufnahme in die Liste der Baudenkmale gewür - digt. In der Begründung wird unter anderem darauf hingewiesen, dass durch den Verzicht auf die Ausbil - dung eines betonten Eingangsbe - reichs und durch eine „Profanie - rung“ der Fassaden versucht wurde, eine Annäherung des Sakralbaus an den Profanbau zu erreichen, um die städtebauliche Dominanz des Kir chenbaus zu reduzieren und durch die Architektur eine „Kirche für alle“ auszudrücken. Nur der Turm gibt der Baugruppe den sakralen Akzent, Gestaltung und Ausstat - tung des Kirchenraumes wollen durch die puristische Beschränkung auf das Nötigste an den Ursprung der christlichen Gemeinde erinnern. Lediglich wenige bauliche Verän - derungen sind gegenüber dem Ur - zustand zu verzeichnen und erfolg - ten meist in Abstimmung mit Prof. Ludwig. So wurde der ursprünglich massiv gemauerte Altar durch einen mobilen Holzaltar ersetzt. In den 1980er Jahren bekam ein anfänglich kontrovers diskutiertes Tafelbild des Straubinger Künstlers Walter Veit einen Platz in der Apsis über dem Altar, das als „gemaltes Kreuz“ auf die mittelalterlich-sienesische Tafelmalerei des 12.und 13. Jahr - hunderts zurückweist. Der Architekt: Johannes Ludwig Als Sohn des aus Brünn stam - menden Architekten Alois Ludwig und der Prager Fabrikantentochter Klara Margarete Wanniek 1904 in Düsseldorf geboren, begann Johan - nes Ludwig 1924 das Studium der Architektur an der Technischen Hochschule München (heutige TUM), an das sich 1929 eine Assis - tententätigkeit bei dem bekannten österreichischen Architekten Cle-
mens Holzmeister an der Akademie in Düsseldorf anschloss. Zu Beginn der 1930er Jahre eröff - nete Ludwig eine eigene Praxis in Meran, wo auch einige Wohnhaus - bauten von ihm zu finden sind. Für seine Entwicklung bestimmend ist die Werkbund-Ausstellung in Stockholm unter der Leitung des eindrucksvollen schwedischen Ar - chitekten Gunnar Asplund 1930. Seither war sein Interesse für skan - dinavische Architektur und die da - raus resultierende differenzierte In - terpretation der Moderne ungebro - chen. Auch durch seine aus Schwe - den stammende Frau wurde dieses Land zu seiner zweiten Heimat. Streben nach Einfachheit und zeitloser Dauer Nach dem Zweiten Weltkrieg praktizierte Ludwig in Mühldorf, wo auch im besten Sinn „einfache Bauten“ entstanden. Ab 1962 arbei - tete er als freischaffender Architekt in München. 1955 auf den Lehrstuhl für Städtebau und Landesplanung an die Technische Hochschule Wien berufen, übernahm er bereits 1957 als Nachfolger des bedeutenden Ar - chitekten der Wiederaufbauzeit, Hans Döllgast, dessen Lehrstuhl für Architekturzeichnen und Raum - kunst, den er bis zu seiner Emeritie rung im Jahr 1973 innehatte. Von 1969 bis 1983 war Johannes Ludwig zudem Direktor der Abtei - lung Bildende Kunst der Bayeri - schen Akademie der Schönen Küns - te. Er verstand es, die Lehre an der Universität mit einer regen eigenen Planungs- und Bautätigkeit zu ver - binden. Städtebauliche Projekte ge - hören ebenso zu seinem Schaffen wie Wohnhaus- und Schulbauten. Als repräsentativste Aufgaben sind der Wiederaufbau der Anti - kensammlung am Münchner - nigsplatz 1959 bis 1967 und der Ausbau des Mittelbaus, des Innen - hofs und des Senatstrakt der Tech - nischen Universität München in den Jahren zwischen 1960 und 1973 zu nennen. Auch hier blieb er seinem Streben nach Einfachheit und zeit - loser Dauer treu. Einen breiten Raum in Ludwigs Schaffen nimmt der Kirchenbau ein, zu erwähnen sind hier vor allem die evangelische Paul-Gerhardt-Kirche in München - Laim 1953 bis 1956 und die in ihrer Konzeption der Versöhnungskirche vergleichbare evangelische Erlöser - kirche in Bogen 1958/59. Im Jahr 1996 verstarb Johannes Ludwig im Alter von 92 Jahren. Der Architekt und Architektur - Lehrer Ludwig hat die stilistische Zurückhaltung und den formalen Anstand der Wiederaufbaujahre in die hektischen Jahre des Wirt - schaftswunders hinüber- und über sie hinaus gerettet. Der ländliche Charakter um die Versöhnungskir - che hat sich zwar geändert, seitdem Johannes Ludwig mit seinem Mitar beiter Volkher Schulz das Pfarrzen trum plante. Jedoch gilt noch heute uneingeschränkt die Feststellung, dass die Architektur Ludwigs nie modisch war, immer kultiviert, no bel, im besten Sinn zeitlos. Diese Einstellung gab er auch vielen sei ner Schüler mit auf den Weg.
Literaturhinweise (Auswahl) Schäfer, Werner: Evangelisch in Straubing-Ost. 50 Jahre Versöh- nungskirche. 1963-2013, hrsg. vom Kirchenvorstand, Straubing 2013. Kurrent, Friedrich (Hrsg.): Johan- nes Ludwig. Bauten, Projekte, Mö- bel. Ausstellungskatalog, Techni- sche Universität München, Mün- chen 1984. Schäfer, Werner: Schlichtheit und Klarheit. 40 Jahre evangelische Versöhnungskirche, in: Straubinger Tagblatt, 5.12.2003, S. 36. Schäfer, Werner: Pfarrzentrum und Baudenkmal. 50 Jahre evangelisch- lutherische Versöhnungskirche im Osten Straubings, in: Straubinger Tagblatt, 7.12.2013, S. 47.
Die evangelische Versöhnungskirche ist am Sonntag zur Besichtigung geöffnet. Fotos: Peter Heigl/Manfred Bernhard
Unsere Versöhnungskirche war „Offenes Denkmal 2019“ Bericht von Baudirektor Wolfgang Bach Seit vielen Jahren beteiligt sich die Stadt Straubing mit der Präsentation ihres historischen Erbes am bundesweiten Tag des offenen Denkmals, an dem der Bevölkerung verschiedene Baudenkmäler zugänglich gemacht und erklärt werden. Das Motto des Jahres 2019 „Umbrüche in Kunst und Architektur“ bezog sich insbesondere auf Epochen und Reformbewegungen in der modernen Baugeschichte. Eines der beiden Zeugnisse der gesellschaftlichen, bau- und stadtgeschichtlichen Entwicklung, die am 8. September, dem 12. Sonntag nach Trinitatis, in Straubing vorgestellt wurden, war unsere Evangelische Versöhnungskirche. Der Tag wurde mit einem feierlichen Gottesdienst eröffnet, den unsere Pfarrerin Erna Meiser zusammen mit dem Lektor Stefan Drechsler aus Regensburg liturgisch eindrucksvoll gestaltete. Im Mittelpunkt standen Worte zum Tag des Denkmals in Bezug auf „Versöhnung“, die auch in den Widmungen der vier Glocken eindrücklich „mitschwingen“. In seinem Grußwort wies Bürgermeister Hans Lohmeier auf die Bedeutung von Denkmälern für das Geschichtsbewusstsein, aber auch für den aktuellen Umgang mit kulturellen Werten hin. Bei den drei an den gut besuchten Gottesdienst anschließenden Führungen erklärten Werner Schäfer und ich den überaus interessierten Kirchenbesuchern die Entstehungsgeschichte und die Architektur des Gemeindezentrums. Nach der schrecklichen Zeit des Zweiten Weltkriegs siedelten sich in der Stadt Tausende von Evakuierten, Flüchtlingen und Heimatvertriebenen an, was auch die Schaffung neuer Wohn-, Arbeits- und Lebensmöglichkeiten erforderlich machte. Deswegen sollte bald eine zweite evangelische Kirche in Straubing-Ost errichtet werden, wo sich besonders viele evangelische Neubürger angesiedelt hatten. 1958 beantragte die Kirchengemeinde deshalb, eine Kirche mit Pfarrhaus bei St. Nikola zu bauen und betraute den in Straubing schon durch die Fertigstellung der Christuskirche bekannten Münchner Architekturprofessor Johannes Ludwig mit der Planung. Bald entstand auf dem Grundstück an der St.-Nikola-Straße eine charakteristische Baugruppe mit geräumiger Kirche, Glockenturm, Pfarrhaus, Gemeinderäumen und Hofraum in der ortstypischen Bauweise des damaligen Stadtrands, die sich aber in der Umgebung durch eine klare Formensprache behauptet. Der Kirchenraum strahlt durch das weiß getünchte Mauerwerk, den „hölzernen Himmel“ des Dachstuhls, die zurückhaltende Ausstattung und die Belichtung „von unten“ mittels weniger Fenster eine geheimnisvolle Geborgenheit aus. Am 2. Advent des Jahres 1963 wurde die Versöhnungskirche geweiht, seit 2009 ist sie durch den Eintrag in die Bayerische Denkmalliste auch formal ein Baudenkmal, bis heute der einzige Straubinger Nachkriegskirchenbau, dem diese Ehre zuteil wurde. Viele Besucher kannten die Kirche bislang nur vom Vorbeifahren und waren überrascht, welche Raumkunst und welche liturgische Klarheit sich hinter den trutzigen Mauern verbirgt. Dass eine Straubinger Familie seinerzeit das Holz für den imposanten Kirchendachstuhl gestiftet hat, ist beachtlich, und unter dem Aspekt, vielen Heimatvertriebenen und Flüchtlingen „ein Dach über dem Kopf“ zu geben, auch heute beispielhaft. Die Führungen wurden von J.S. Bach´scher Orgelmusik gerahmt, brillant intoniert von Franz Schnieringer. Beeindruckend und stimmungsvoll war das abschließende Geläut der vier Turmglocken, deren Symbolgehalt Frau Pfarrerin Meiser den Besuchern trefflich nahebrachte: „Gott war in Christus … und versöhnte die Welt mit ihm selber. Versöhne dich mit deinem Bruder. Lasset euch versöhnen mit Gott.“ - die zentrale Glaubenshoffnung einer Versöhnung Gottes mit seiner Welt und der Welt mit sich selbst. Der regnerischen kühlen Witterung war es geschuldet, dass die Führungen nicht überlaufen waren. Doch wer sich im Kirchenhof und im Gotteshaus von den fachlichen Ausführungen durch Baugeschichte, Architektur und das Gemeindeleben aus fast 60 Jahren begleiten ließ, kam sicherlich auf den Geschmack, und das nicht nur in architektonischer Hinsicht: Zum regen Gespräch traf man sich zwischendurch und anschließend im Gemeindesaal des Pfarrhauses, und alle Besucher waren von der Gemeinde herzlich eingeladen, sich auch leiblich zu stärken. Frau Meiser und ihr Team hatten aus den Früchten des Versöhnungsgartens liebevoll und bienenfleißig kulinarische Köstlichkeiten gezaubert, die mit Kaffee und Getränken serviert eine wunderbare Abrundung des Veranstaltungstags bildeten.
DIE EVANGELISCH - LUTHERISCHE VERSÖHNUNGSKIRCHE Pfarrzentrum in Straubing-Ost Nach der schrecklichen Zeit des Zweiten Weltkriegs erlebte Straubing in den ersten Nachkriegsjahren einen nachhaltig wirkenden Bevölkerungswandel. Tausende von Evakuierten, Flüchtlingen und Heimatvertriebenen siedelten sich hier an, was auch die Schaffung neuer Wohn-, Arbeits- und Lebensmöglichkeiten erforderlich machte. Nach dem Bau der Christuskirche an Stelle der bei einem Bombenangriff zerstörten protestantischen Kirche in der Bahnhofstraße stellte sich infolge des neuen Besiedlungsschwerpunkts die Notwendigkeit einer weiteren evangelischen Kirche in Straubing-Ost heraus, dort wo sich besonders viele evangelische Flüchtlinge niedergelassen hatten. 1958 stellte die Kirchengemeinde deshalb den Antrag an die evangelische Landeskirche, eine Kirche mit Pfarrhaus bei St. Nikola zu bauen. Mit der Planung wurde der Münchner Architekturprofessor Johannes Ludwig betraut, der unter anderem schon durch die Fertigstellung der Straubinger Christuskirche bekannt war. Auf dem Grundstück an der St.-Nikola-Straße ist eine charakteristische Baugruppe mit relativ großer Kirche, Glockenturm, Pfarrhaus, Gemeinderäumen und Hofraum entstanden, die die ortstypische offene Bauweise am damaligen Stadtrand aufgreift, die Umgebung aber durch die strenge Formensprache beherrscht. Das Ensemble besitzt gerade wegen der Einfachheit eine besondere und sehr interessante Raumwirkung. Der Bautyp der Saal - kirche ist im Inneren durch subtile handwerkliche Gestaltungsmittel neu belebt. Weiß getünchte Mauern dienen dem „hölzernen Himmel“ des Dachstuhls als Fundament. Durch die Belichtung „von unten“ mittels der sparsamen Befensterung erhält der Raum etwas Geheimnisvolles. Auch die Ausstattung, wie z. B. Lampen und Gestühl, weist das klare Repertoire des Kirchenarchitekten Johannes Ludwig auf. Die gesamte Anlage ist jedoch aus dem Ort entwickelt und individuell gestaltet. Der Architekt Johannes Ludwig (* 1904 in Düsseldorf, + 1996 in München) war nach seinem Studium an der Technischen Hochschule München (jetzige TUM) unter anderem in Südtirol und München selbständig tätig und war seit 1957 als Nachfolger von Hans Döllgast Ordinarius am Lehrstuhl für Architekturzeichnen und Raum - kunst der Technischen Hochschule München. Großen Einfluss auf seine gestalterische und konstruktive Haltung hatte seine Affinität zu Skandinavien. Ludwig war geprägt von einer stilistischen Zurückhaltung, die eine nie modische, kultivierte, noble und im besten Sinn zeitlose Architektur hervorbrachte. Zu seinem umfangreichen Schaffenswerk gehören viele Wohngebäude, Schul-, Hochschul- und Kulturbauten sowie zahlreiche Kirchen. In Straubing hat er vor dem Bau der Versöhnungskirche bereits die Christuskirche vollendet, außerdem stammt die evangelische Erlöserkirche in Bogen aus seiner Feder.
Fotos: Monika Meyer
Die Glocken der Versöhnungskirche Die Glocken im Turm künden mit ihren Inschriften, was mit ihrem Ton beim Tageszeitengeläute oder beim Läuten zu besonderen Anlässen zu Gehör kommen soll: g-Glocke (große Glocke, Gott war in Christus (2. Kor. 5, 19a) Dominica, Sterbeglocke) a-Glocke (Vaterunser-Glocke) und versöhnte die Welt mit ihm selber (2. Kor. 5, 19b) h-Glocke (Gebets-Glocke) Versöhne dich mit deinem Bruder (Matth. 5, 24) d-Glocke Lasset euch versöhnen mit Gott (2. Kor. 5, 20) In „Versöhnungskirche“ kommt die absolut zentrale Glaubens-Hoffnung einer Versöhnung Gottes mit seiner Welt und der Welt mit sich selbst zum Ausdruck. Gerade im Hinblick auf das Gotteshaus „Versöhnungskirche“ geht es um das Wohnen Gottes unter den Menschen, bis hin zur großen Vision der Apokalypse des Johannes (21, 2-4) von einem neuen Himmel und einer neuen Erde, vom neuen Jerusalem, von der Mitte Gottes unter den Menschen, wenn der Tod nicht mehr sein wird und keine Trauer, keine Klage und keine Mühsal.
Foto: Elfriede Abele Chronologie Nach 1945 Tausende von Heimatvertriebenen und Flüchtlingen sind in Straubing aufzunehmen 1958 7 500 Heimatvertriebene und Flüchtlinge in Straubing (ca. 22 % der Bevölkerung), 6 000 evangelische Christen in Straubing Deshalb Siedlungsentwicklung im Osten der Stadt (verfügbare Siedlungsflächen) 1957 Einweihung der wiederaufgebauten Christuskirche in der Bahnhofstraße, die allerdings für die große Zahl der Gottesdienstbesucher bald zu klein wurde 1958 Daraus reifte die Absicht, im Osten ein neues Pfarrzentrum zu errichten, Grunderwerb bei St. Nikola 1958/59 Erster Entwurf von Prof. Johannes Ludwig Zunächst sollte ein Pfarrhaus errichtet werden April 1959 Bauantrag für das Pfarrhaus mit Gemeindesaal Geplant ist bereits auch die Errichtung einer Kirche 31. Okt. 1959 Richtfest für das Pfarrhaus 31. Okt. 1960 Einweihung des Pfarrhauses (Reformationstag) Es entwickelte sich ein reges eigenes Gemeindeleben Juni 1962 Bauantrag für den Kirchenbau, im Juli vom Bauausschuss genehmigt März 1963 Baubeginn für die Kirche 12. Mai 1963 Grundsteinlegung November 1963 Glockeneinholung 13. Dez. 1963 Einweihung der Versöhnungskirche (2. Advent) 1967 Orgeleinbau (Weihe am 26. November 1967) 13. Okt. 1969 Landeskirchliche Urkunde zur Einrichtung der eigenen Kirchengemeinde Versöhnungskirche 1983 Bauliche Ergänzung des Hofs, Gestaltung der Außenanlagen, Vergrößerung der Garage 2009 Aufnahme in die Liste der Baudenkmäler 2011 Mit den Denkmalbehörden abgestimmte energetische Sanierung des Pfarrhauses 8. Sept. 2019 Tag des offenen Denkmals mit Festgottesdienst und Kirchenführungen Wolfgang Bach, Werner Schäfer, September 2019
Im Namen der veranstaltenden Denkmalbehörde möchte ich mich an dieser Stelle nochmals für das gewaltige und spontane Engagement bedanken, das wir bei der Vorbereitung und der Durchführung des Tags des offenen Denkmals erleben durften. Als ich bei Frau Meiser anfragte, ob sie uns die Versöhnungskirche für den Denkmaltag „überlassen“ könnte, antwortete sie sofort leidenschaftlich: „Ja, natürlich machen wir das, das wird UNSERE Veranstaltung sein.“ Die Ausarbeitung des Begleitprogramms und des wirklich festlichen Gottesdienstes als rahmengebender Bestandteil des Tages war von ihrer großen Begeisterung getragen und machte diesen Sonntag auch zu einem ganz besonderen Erlebnis für die Gemeinde der Versöhnungskirche. Ihnen, liebe Frau Meiser, dem Kirchenvorstand sowie der ganzen Gemeinde gebührt unser herzlicher Dank für dieses beeindruckende und von brennender Begeisterung geprägte Zusammenwirken. Wolfgang Bach